Niculin Janett’s Jam Komplex

Ich hab heut ein gutes Blatt montiert. Angenehmer Widerstand, voller Sound, gute Ansprache. Ich fühl mich fresh. Ich schlürfe an meinem Bier. Die Band spielt Stablemates. Den Tune kenn ich. Der Trompeter spielt viel. Aber ich bin ready. Ich sehe, dass sein Solo gleich fertig ist, steh auf. Jetzt pflanzt sich Dörte plötzlich in die Mitte und hagelt Achtel auf seinem Selmer. Ich setz mich wieder hin. Dörte weiss wie’s geht. Er haut das ganze in-out Zeugs so richtig raus. Ich kann das nicht. Ich trink mein Bier leer. Mal abwarten. Vielleicht spiel ich dann eine Ballade. Weil da liegen ja eigentlich meine Stärken. Ich sehe Marius und Anna-Lina an der Bar hängen. Fett. Ablenkung. Ich geh zu ihnen.
„Ein Grosses, gerne“.
Das Bier ist kühl. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaub die Form von ist grad durcheinander geraten. Der Gitarrist spielt den B-Teil, aber eigentlich ist doch A2 dran. Mir wäre das nicht passiert. Glaub ich. Vielleicht. Marius denkt das gleiche.
„Uupsie“, meint er nur.
„Cheers“.
„Anna-Lina, sing eins!“
„Nee, nicht heute. Sie wollen Body nicht in E spielen“
„Hast du Noten da?“
„Ja, aber ich will da nicht doof mit Sheets kommen. Ist mir peinlich“
„Hm“, sag ich. Ich find das nicht doof. Das denk ich immer wieder. Ist doch egal ob mit oder ohne Sheet.
Ich hab wieder den Einstieg verpasst, jetzt spielen sie Dolphin Dance. Den Song mag ich nicht. Da muss ich nicht einsteigen. Die Chords gehen irgendwo ins Nirgendwo. Jaja. Ich weiss. Herbie. Krasser Komponist. Aber trotzdem.
Marius zahlt. Ein IPA. Das erinnert mich immer an New York. Geil. Apropos geil. Der Pianist spielt super. Total loose, aber doch in the pocket. Crazy.
Wir trinken. Es ist schon ziemlich spät. Viele Cats sind draussen am rauchen.
Anna-Lina klopft ans Mike. Body and Soul in E. Das geht schon. Ich brauch kein Sheet. Was war nochmal in der Bridge? Ah, Halbton rauf. I got this. Aber wo war der Verminderte? Takt 6 von der Bridge. Hm. Klang weird. Oh. Solo. Shit. Double Time geht nur so halb. Zu viel Bier. Also dann. Langsam. So ein schöner Tune. Bridge. F. dann Runter nach Eb. Geht ja. Verflucht, ich bin besoffen. Marius holt die Mallets raus. Kann man machen. Schlussphrase. War okay. Aber die #11 am Ende ist cheesy. Naja.

Ich geh zur Bar, stell mich neben Ronnie. Er nickt seinem Weinglas zu.
„Das war deep, man“.

 

Niculin Janett’s zweites Album “Complexes” ist gerade erschienen und im Handel erhältlich. Das Niculin Janett 4tet –  Lisa Hoppe, Rich Perry und Claudio Strüby – betrachten die komplexen Zusammenhänge und zusammenhängende Komplexe durch die Linse der Jazzmusik.

Tom Gsteiger Bockt : “Die AAA-Krise des Jazz”

Die “AAA-Krise” des Jazz

1965 diagnostizierte der afro-amerikanische Schrifsteller Ralph Ellison (“Invisible Man”) eine Krise des modernen Jazz. Für mein Empfinden kam Ellisons Diagnose rund ein halbes Jahrhundert zu früh.

Ich kann nicht behaupten, dass ich die aktuelle Situation des Jazz vollständig zu überblicken vermag – dafür hat sich diese Kunstform zu sehr in zahllose Genres und Sub-Genres zersplittert. Kommt hinzu, dass es extrem viele Jazzschulen gibt, an denen extrem viele Jazzmusiker ausgebildet werden (wobei allerdings der Begriff Jazzmusiker in vielen Fällen zu hinterfragen wäre …). Es gibt also einen Jazz-Wildwuchs, der an Üppigkeit kaum zu überbieten ist. Doch ist dies bereits ein Qualitätsmerkmal? Obwohl also meine Kenntnisse des aktuellen Jazzschaffens beschränkt sind (wer sich alle Neuerscheinungen auf diesem Gebiet anhören möchte, käme wohl kaum noch zum Schlafen), wage ich die Behauptung, dass der Jazz in einer Krise steckt, die seine Vitalität, Relevanz und Brisanz bedroht.

In diesem Zusammenhang möchte ich von einer “AAA-Krise” sprechen, wobei damit nicht Alte, Ausländer und Alkis gemeinst sind, sondern: Anämie, Akademismus, Anachronismus. Was den Jazz lange Zeit auszeichnete, war eine explosive und subersive Mischung aus Highbrow- und Lowbrow-Elementen, aus “brain” und “funk”, aus abgefahrener Abstraktion und bluesiger Bodenständigkeit … Als Inbegriff des Jazz-Hipsters gilt für mich nach wie vor Charlie Parker, für den ein Blowjob auf dem Rücksitz eines Taxis genauso zu seinem “life-style” (was für ein schreckliches Wort!) gehörte wie der Besuch eines Strawinski-Konzerts. Parker verkörpert für mich die Dualität von “ver-rückter” improvisatorischer Chuzpe und Downhome-Emotionalität wie kein anderer.

Heute trifft man diese Highbrow-/Lowbrow-Dualität im Jazz immer seltener an. Oft wirkt der zeitgenössische Jazz anämisch, also blutleer. Warum? Ein paar mögliche Antworten: Weil innerhalb der Bands zu viel vorabgesprochen wird. Weil technische Perfektion statt emotionale Authentizität angestrebt wird. Weil die Stücke zu komplex sind und zu wenig Spielraum für spontane Geistesblitze lassen. Ein Indiz für diese Überkomplexität ist die im aktuellen Jazz grassierende Odd-Meter-Manie, bei der der gute alte Swing auf der Strecke bleibt – dabei zählt das Swing-Feeling zu den grossen Erfindungen des Jazz.

Diese anämischen Krisensymptome hängen eng mit der Akademisierung des Jazz zusammen. An Jazzschulen werden eurozentrische Fähigkeiten wie Komponieren und Arrangieren überdurchschnittlich stark gewichtet – der afrozentrische „spirit“ des Jazz kommt dagegen zu kurz (das schlägt sich u.a. darin nieder, dass  man viel zu wenig tief in das Swing-Phänomen eintaucht). Dabei standen bei so gut wie allen bahnbrechenden Jazz-Innovationen improvisatorische Prozesse im Vordergrund. Man nehme z.B. so wichtige Horizonerweiterungs-Alben wie «Kind of Blue» (Miles Davis, 1959), «The Shape of Jazz to Come» (Ornette Coleman, 1959), «Waltz for Debby» (Bill Evans, 1961) oder «Fusion» (Jimmy Giuffre, 1961): Da kommen einerseits ganz unterschiedliche kompositorische Konzepte zur Anwendung, doch diese bilden die Basis für ausgedehnte improvisatorische Interaktionen. Heutzutage stehen dagegen sehr oft kompositorische Elemente im Vordergrund, während die Improvisation zur blossen Garnitur degeneriert.

Bleibt noch das dritte A: Anachronismus. Damit sind natürlich die “neo-konservativen” Retro-Umtriebe von Marsalis & Co. gemeint. Klar ist: Ohne profunde Kenntnis der Tradition kommt man als Jazzmusiker kaum auf einen grünen Zweig (aber ev. zu einem Vertrag mit ECM oder Act oder …). Handkehrum steckt im Aufwärmen alter Reste nicht genug Kreativität. Bereits Thomas Morus (1478-1535) wusste: “Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.” Morus wurde enthauptet – zum Glück muss ich nicht mit demselben Schicksal rechnen.

 

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Tom Gsteiger (geboren 1970) schreibt über Jazz für diverse Schweizer Zeitungen.  Er unterrichtet Jazzgeschichte an der Hochschule Luzern und am Jazzcampus Basel.

TGIF

Germany is out, and we all saw it coming. Luckily we have enough music to comfort you, plus there is all hope on Switzerland now of course!
Niculin Janett’s new Album “Complexes” with Rich Perry, Lisa Hoppe and Claudio Strüby is out and we are mighty proud:

In today’s world of short attention span we figured a 27 second trailer of Aerie`s new album “Sonic” is just what you need …

Guitar Wizard David Friedli Video Falling Apart is up and running.

Vote for Pimalo at Detektor.FM and help him become the song of the month. Nova Fliegt Zum Mond is playing at the Bergmannstraßenfest

What´s New;

Claudia Döffingers Monochrome will be out in July,  following Niculin Janett’s Complexes (feat. Rich Perry)

Nova Fliegt Zum Mond will be playing at Fete De La Musique on Thursday in Berlin. You should go! 

Pimalo´s new video Falling Apart is can be watched here. Martial visited Radio 3 Fach in Lucerne and talked about his new album check out the Podcast. Esche can be heard on Taran´s Free Jazz Hour and Jazzthing reviewed their Album Der Dichter Spricht:

“Die drei jun­gen Leute um die 30 wollen jedenfalls etwas und haben keine Scheu, mit ihrer Musik ins Risiko zu gehen.” rt, Jazzthing Danke!

Unser Chefblogger und Produzent Tom Gsteiger ist zur Zeit zu Gast auf Ethan Iverson´s Blog mit einer  Conversation with Kenny Barron and Benny Green  WooW!!!

Enjoy your week everyone!

Esche
Nova Fliegt Zum Mond
Esche